Rezension zu Christiane Burbach/Peter Döge (Hg.): Gender Mainstreaming. Lernprozesse in wissenschaftlichen, kirchlichen und politischen Organisationen

Natürlich: political correct wollen alle sein und Gender Mainstreaming ist in vielen Organisationen Bestandteil von Leitbildern, Zielvereinbarungen, Vorstandsbeschlüssen. Aber die Wirklichkeit sieht vielfach ganz anders aus. Ob in Kirchen, Gewerkschaften, Hochschulen, Landesregierungen, Kommunen: Christine Burbach und Peter Döge belegen eindrucksvoll, wie schwer der Weg ist, Gender Mainstreaming zu verankern. Aber das hätte ich ja auch ohne dieses Buch gewusst oder zumindest vermutet.

Dennoch lohnt es sich, das Buch aufmerksam zu lesen. Es tut gut, im Vorwort nicht die üblichen Beweihräucherungen und Dankeshymnen, sondern eine kompakte Zusammenfassung (2 ½ Seiten) der Grundlagen von Gender Mainstreaming und die damit verbundenen Ziele zu lesen. Im ersten Kapitel – sehr komprimiert geschrieben und deshalb etwas mühsam zu lesen - stellen die Autoren die Dimensionen des Gender Diskurses dar und weshalb Gender Mainstreaming den Schritt vom Defizit- zum Ressourcenansatz macht. Es geht also nicht um Frauenförderprogramme oder um Emanzipation, sondern es geht um Vielfalt (Managing Diversity), um Gleichberechtigung, um eine diskriminierungsfreie Gestaltung von Organisationskulturen.

Mehrere Autorinnen und Autoren berichten im zweiten Kapitel, welche Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Gender Mainstreaming in ihren Organisationen aufgetaucht sind. Besonders lesenswert finde ich den Artikel GendertrainerInnenausbildung des Landesverbandes der Volkshochschulen Niedersachsens, in dem deutlich wird, wie Schwierigkeiten, Widerstände, Konflikte oder Blockaden der TeilnehmerInnen an einem solchen Training die traditionellen und oft verfestigten und frustrierenden Arbeitsteilungen der Geschlechter widerspiegeln.

Das dritte Kapitel stellt Gender Mainstreaming in verschiedenen Bereichen dar: Hochschulwesen, Naturwissenschaften (eine sehr aufschlussreiche Analyse!), in sozialdiakonischen Studiengängen, im Recht und im Gesundheitswesen.

Es ist erfreulich, dass Burbach/Döge nicht bei der Analyse stehen bleiben. Sie verfügen über vielfältige Erfahrungen im Bereich der Gender-Bildung, haben Seminare für unterschiedliche Führungsebenen durchgeführt, Organisationen bei der Einführung des Gender-Themas begleitet. Und aus diesem Erfahrungsschatz gewähren sie uns im Kapitel IV einen Einblick in Bausteine des Gender-Lernens. Dort werden Gender-Bildungsmaßnahmen beschrieben, Checklisten für Organisationen, Übungen zur Wahrnehmung von Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den Geschlechtern, Fragebögen zur Organisationskultur vorgestellt. Das sind konkrete Hilfen für die Umsetzung. Zugegeben, allein mit diesen Hinweisen zu Gender-Bildungsmaßnahmen wird man kaum professionell Gender-Mainstreaming in einer Organisation einführen können. Aber es wird deutlich, welche Dimensionen das Thema besitzt. Wer übrigens eine praxisnahe Hilfe für Gender-Training sucht, findet viele brauchbare Anregungen im Arbeitsbuch von Burbach/Schlottau „Abenteuer Fairness“, Vandenhoeck&Ruprecht, 2001, 279 Seiten.

Im Schlusskapitel stellt Peter Döge Gender Mainstreaming in den größeren Zusammenhang als Lernprozess für Managing Diversity. In höchst komprimierter und doch gut lesbarer Darstellung zeigt Döge den gesellschaftlichen Kontext auf, wie Geschlechter-hierarchie immer ein mehrfaches Herrschaftsverhältnis beinhaltet, wie Rasse, Geschlecht und Klasse durch ihren komplexen Zusammenhang unterschiedliche Formen von Privilegierung und Diskriminierung hervorbringen. Deshalb können Anti-Diskriminierungsstrategien eben nicht nur an einem Merkmal – etwa Geschlecht oder Ethnie – ansetzen.

Die Fülle weitergehender Literaturhinweise, der brauchbare Gesamtüberblick zum Gender-Thema auf neuestem Stand lassen die teilweise unterschiedliche Qualität der ein-zelnen Artikel der verschiedenen Autoren in den Hintergrund treten. Insgesamt ein lesbares, lesenswertes und empfehlenswertes Buch. Der Preis für das kartonierte Fachbuch ist angemessen.

Ruppert Heidenreich, Aachen 2007 | Rezension in Mobile, Social Groupwork Report

Ruppert Heidenreich

  • Supervisor (DGSv)
  • System. Supervisor (SG)
  • Lehrender Supervisor (SG)