Rezension zu Holger Wyrwa: Mobbt die Mobber! – Survival-Guide für Mobbing Opfer

Beim Lesen des Vorwortes „Es kann jeden treffen“ riecht es sehr nach „Ein Mann sieht rot“, nach Selbstjustiz und „Nehmen Sie das Schicksal in die eigene Hand!“. Wehrt euch und wartet nicht auf die Gerechtigkeit! Aber beim weiteren Lesen wird deutlich: Holger Wyrwa hat die Verletzungen, Demütigungen und Entwertungen einer schweren Mobbingattacke selbst durchlitten, er weiß um die Brutalität, mit der Mobber vorgehen können, und er stellt mögliche Gegenstrategien realistisch dar. Seite für Seite wird deutlicher, was Mobbing für die Gemobbten bedeutet, wie ihre Psyche zerstört wird, wie Arbeitsleben, Privatleben, Gesundheit mehr und mehr in Mitleidenschaft gezogen werden, und sie am Ende oft ohne Freunde verlassen dastehen.

Da ist es richtig befreiend zu lesen, dass man sich gegen so viel Gemeinheit der Mobber wehren kann. Holger Wyrwa bietet 20 Gegenstrategien, die er zum Teil selbst angewendet, zum Teil reflektierend weiter entwickelt hat. Dabei grenzt er sich von der bloßen Selbstjustiz deutlich ab: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird (Nietzsche) .“ Mobbing wird von alltäglichen Konflikten, wie sie in jeder Organisation vorkommen, unterschieden. Und er rät erstmal zu den konventionellen Methoden, als da sind: Gespräche mit den Konfliktpartnern, Klärungen mit Betriebs- oder Personalrat, Einschalten einer Clearingstelle, Rechtsbeistand, usw. Wenn all das nicht zum Erfolg verhilft und die Mobbinganalyse (Fragebogen S.77 ff) die unhaltbare Situation am Arbeitsplatz belegt, dann empfiehlt Wyrwa die „Kriegsführung“. Ja, es hat mich erst abgestoßen, so einen Begriff wie Kriegsführung für die Gegenstrategien zu akzeptieren. Aber ich habe diese Begriffswahl am Ende verstanden. Holger Wyrwa will diejenigen, die seine Strategien anwenden, nicht im Unklaren lassen, worauf sie sich einlassen. In der Tat, es geht ans Eingemachte und ums Überleben. Wer die Gegenstrategien nur halbherzig anwendet, der hat schon vorher verloren. Und da Mobber keine Skrupel bei ihren widerwärtigen Attacken kennen, muss man eben auch sehr skrupellos reagieren. Es ehrt Holger Wyrwa, dass er immer wieder auf das obige Nietzsche-Zitat hinweist und den Anwendern seiner Gegenstrategien einschärft, sich nicht auf dieselbe Ebene wie die Mobber zu begeben.

Den Gegenstrategien setzt Wyrwa 7 Regeln voran (PASSAGE-Prinzip): Planung, Aktion, „Skrupellosigkeit“, Selbstbeherrschung,, Agitation, Geduld und Entschlossenheit. Dann folgen 20 Gegenstrategien. Sie sind verständlich und anwendungsbezogen aufbereitet und zeigen deutlich das Ziel der jeweiligen Strategie. Jede Strategie ist wenigstens durch ein Beispiel erläutert, und in einem ausführlichen Kommentar werden Vorteile, Nachteile, Gefahren, Erfolgsaussichten dargestellt. Natürlich sind nicht alle Gegenstrategien völlig neu, wie z.B. „Outen Sie den Mobber in aller Öffentlichkeit!“, „Nutzen Sie die natürliche Angst der Institution vor der Öffentlichkeit!“ oder „Lassen Sie sich nicht von Angst oder Hass überwältigen!“ Aber die gesamte Zusammenstellung und der Kontext der 20 Gegenstrategien ergeben eine realistische Handlungsanleitung.

Vielleicht wäre es gut gewesen, hin und wieder deutlich zu machen, wie wichtig bei der Anwendung der Gegenstrategien eine begleitende Beratung ist. Wyrwa selbst hat nämlich auch nicht nur allein gehandelt, er hat anwaltliche Hilfe in Anspruch genommen. Viele seiner Beispiele stammen von Menschen, die wegen Mobbing seine beratende Hilfe als Supervisor und Therapeut gesucht haben. Ich habe Zweifel, ob Menschen, die meist wegen Mobbing-Attacken schon erheblich angeschlagen sind, alleine die Kraft aufbringen, die vorgeschlagenen Gegenstrategien anzuwenden. Aber das Buch zu kennen, ist für von Mobbing Bedrohte und für Gemobbte sicher eine große Hilfe, weil die Absichten und Strategien der Mobber erkennbar werden und die Gegenstrategien Mut machen, dass man nicht in der Ohnmacht und Hilflosigkeit versinken muss. Für Supervisorinnen und Supervisoren, die mit Mobbing-Opfern arbeiten, ist das Buch eine erfrischend zu lesende, aber auch interessante und wichtige Information und gleichzeitig enthält es eine Menge Anregungen und Aspekte für die Beratung.

veröffentlicht in: Das gepfefferte Ferkel - Online-Journal für systemisches Denken und Handeln – Januar 2004 © ibs aachen

Ruppert Heidenreich

  • Supervisor (DGSv)
  • System. Supervisor (SG)
  • Lehrender Supervisor (SG)