Rezension zu Jürgen Wessel: Kooperation im gemeinsamen Unterricht

Der Gemeinsame Unterricht für Kinder mit einer Hörschädigung und Kinder ohne Behinderung birgt viele Probleme in der praktischen Umsetzung. Vielleicht gibt es deshalb auch nur vergleichsweise wenige Kinder mit einer Hörschädigung im Gemeinsamen Unterricht. Jürgen Wes-sel legt in seinem Buch nicht den Fokus auf Methoden, auf die Ausstattung der Räume oder die technischen Anlagen. Er stellt – es ist nicht überraschend: Jürgen Wessel ist auch ausgebildeter Supervisor - die Frage der Kooperation der beteiligten Lehrkräfte in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen und fragt: „Wie gestalten sie den Kooperationsprozess?“

Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, ein solch komplexes Thema zu bearbeiten: streng empirisch z.B., indem Daten gesammelt, aufbereitet und Signifikanzen berechnet werden, um zum Schluss ‚beweissicher’ Trends oder Unterschiede zu belegen. Jürgen Wessel wählt – erfreulicherweise – einen anderen Weg, nämlich den der qualitativen Forschung. Er macht mit 59 Personen, die Erfahrungen mit dem Gemeinsamen Unterricht haben (31 von allgemeinen Schulen und 28 von Schulen für Hörgeschädigte), nach einem vorher festgelegten Interviewleit-faden ausführliche qualitative Interviews. Die Auswertung ergibt eine spannende Darstellung über die Probleme, die Lehrerinnen und Lehrer der allgemeinen Schule und Sonderschullehrerinnen und –lehrer im Gemeinsamen Unterricht mit hörgeschädigten Kindern und Jugendlichen haben ( und machen ).

Im Teil A stellt Jürgen Wessel sein Forschungsdesign knapp und verständlich dar. Im ausführlichen Teil B berichtet er über die Untersuchungsergebnisse. Dabei geht er u.a. auf die Kooperationsformen, die Kooperationserwartungen, die Rollenverständnisse und die Kooperationsstrategien ein, indem er die untersuchten Bereiche in verschiedne Themen aufgliedert, die Kernaussagen aus den Interviews zusammenfasst und durch Originalzitate aus den Interviews belegt.

Diese Form der Darstellung wirkt beim Lesen nicht ermüdend wie das Lesen von lauter Zahlenkolonnen. Die Zitate ließen vor meinem Auge die Bilder der Interviewpartner entstehen, immer wieder ertappte ich mich , dass ich mich mit der einen oder anderen Person identifizierte, ich verstand die von den beteiligten Personen dargestellten Probleme und hatte das Gefühl höchster Authentizität. Mit der Methode der qualitativen Interviews und der jeweils am Ende eines Kapi-tels komprimierten Zusammenfassung und Diskussion gelingt Jürgen Wessel eine insgesamt vollständige Problembeschreibung des Themas. Im letzten Kapitel formuliert er – für meine Begriffe etwas sehr zurückhaltend – mögliche Konsequenzen seiner Untersuchung für die Forschungspraxis und gibt allgemeine Anregungen, wie die Kooperation der beiden Lehrergruppen erleichtert und verbessert werden kann. In dieser Allgemeinheit ist das Kapitel für die Schulpraxis wenig ergiebig.

Aber dieses Buch hat einen unschätzbaren Verdienst: Der oftmals von der Schuladministration und den beteiligten Personen vernachlässigte Bereich der Kooperation der beiden unterschiedlichen Lehrergruppen im Gemeinsamen Unterricht wird eindrucksvoll in seinem hohen Stellenwert für das Gelingen des Gemeinsamen Unterrichts bestätigt. Selbst gute Rahmenbedingungen lassen den Gemeinsamen Unterricht scheitern, wenn die Regeln und Gesetze der Kopperation nicht beachtet werden. Dabei stellt sich zum Schluss heraus – und Jürgen Wessel formuliert es in seiner Zusammenfassung auch -, dass offen bleibt, „inwiefern die beschriebenen Phänomene der Kooperation im Gemeinsamen Unterricht auf den Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation zurückzuführen sind“ , und nicht generell für die Zusammenarbeit von Lehrern unterschiedlicher Lehrämter gelten.

In der Tat, diese Buch sollte von allen gelesen werden, die sich mit dem Gemeinsamen Unterricht in Politik und Administration, in Schulaufsicht, Lehrerfort – und ausbildung befassen. Lehrerinnen und Lehrer, die im Gemeinsamen Unterricht arbeiten – und zwar nicht nur mit Hörge-chädigten - werden schnell erkennen, wie es um ihre konkrete Kooperation bestellt ist, warum vielleicht die Kooperation so schwierig ist, weil z.B. die gegenseitigen Erwartungen unrealistisch sind, weil es Konkurrenz oder Neid und Eifersucht gibt, weil sie keine Strategien gegen Überforderungen besitzen usw. Die Zitate belegen nachdrücklich, wie komplex dieses für Lehrerinnen und Lehrer in der Regel ungeübte Feld der Teamarbeit im Gemeinsamen Unterricht ist.

Das Buch bestätigt meines Erachtens die These, dass nicht allein die äußeren Rahmenbedingungen oder die personelle Ausstattung die Qualität des Gemeinsamen Unterrichts bestimmen, sondern dass die nicht reflektierte Kooperation der beteiligten Lehrkräfte sowie die in aller Regel fehlende Institutionalisierung kooperativer Rahmenbedingungen wesentliche Gründe für die schleppende Entwicklung des Gemeinsamen Unterricht für behinderte und nicht behinderte Schülerinnen und Schüler in Deutschland darstellen.

Jürgen Wessel: Kooperation im Gemeinsamen Unterricht, Die Zusammenarbeit in der schulischen Integration hörgeschädigter Kinder und Jugendlicher
Münster 2005, Verlag Monsenstein und Vannerdat, 20,50 €

Ruppert Heidenreich

  • Supervisor (DGSv)
  • System. Supervisor (SG)
  • Lehrender Supervisor (SG)