Rezension zu Renate Walthes: Einführung in die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik

Ich hätte nicht gedacht, dass ich ein Fachbuch wie einen Krimi lesen könnte. Aber Renate Walthes hat es mit diesem Buch geschafft. Schon das Maturana-Zitat im Vorwort „Ich bin verantwortlich für das, was ich sage. Sie sind verantwortlich für das was Sie hören!“ (ich würde es übersetzen „… was Sie lesen“) zeigt den Aufbau und die Leseweise des Buches: Man könnte es von Seite 1 – 234 hintereinander lesen so wie einen Roman. Aber man tut es nicht. Zu verführerisch ist es - wie im Internet - den Links nachzuspüren, ein treffendes Beispiel zu lesen, eine Aufgabe zu lösen, im ausführlichen und gut strukturierten Sachregister etwas nachzuschlagen, sich mit einer Frage oder einer Beobachtungsaufgabe zu beschäftigen. Am Rande des Textes weisen Symbole auf solche spannenden Unterbrechungen, geben Stichwörter Hinweise zum schnellen Finden einer Textstelle.

Ich bin kein Blindenpädagoge, kein Sehbehindertenpädagoge. Aber ich bin als oberster Schulaufsichtsbeamter eines Ministeriums auch für die Schulen für Sehgeschädigte und die sonderpädagogische Förderung in diesem Förderschwerpunkt zuständig. Ich bin darauf angewiesen, mich über fachliche Sachverhalte schnell, gründlich, umfassend und präzise zu informieren. Dieses Buch ist ein Glückstreffer! Schon die Einführung in die Welt des Sehens – die Welt der Blindheit – die Welt des Anders-Sehens öffnet mir den Blick für notwendige Unterscheidungen. Geradezu spannend ist das Kapitel Wahrnehmung. Davon verstehe ich aus anderen Zusammenhängen etwas und finde die vielen Beispiele und grafischen Darstellungen höchst eindrucksvoll, die Beschreibung der neurowissenschaftlichen Zusammenhänge verständlich, wobei der Zusammenhang zwischen Bewegung und Wahrnehmung die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung einbezieht. Zum ersten Mal wird mir klar, warum medizinische Klassifikationen für rehabilitative oder pädagogische Zusammenhänge wenig hilfreich, die Bedeutung einer Sehschädigung für Aktivitäten und Partizipation für diese Zusammenhänge wichtiger sind.
Renate Walthes entwickelt daraus das System einer Pädagogik bei Blindheit und Sehbehinderung. Die Studentin oder der Student werden dieses Kapitel eher unter dem Aspekt des informativen Überblicks und der Systematik lesen. Lehrerinnen und Lehrer werden sich möglicherweise mehr über Konzepte, Methoden und Verfahren informieren (sehr hilfreich die Einschätzung von Trainingsprogrammen). Ich selbst bin dankbar für die Darstellung der notwendigen Unterstüt-zungsangebote, die Übersicht über gesetzliche Regelungen und welche spezifischen Angebote zwischen Pädagogik, Rehabilitation und Therapie existieren. Zum Abschluss reflektiert Renate Walthes den gegenwärtigen Forschungsstand der Sehgeschädigtenpädagogik, in einem Glossar werden wichtige Begriffe erläutert, was für den Nichtfachmann wie mich eine erhebliche Erleichterung beim Lesen bedeutet. Und wenn ich jetzt noch nicht genügend Informationen zum einen oder anderen Thema habe, dann sind Organisationen, Anschriften, Internetadressen, Universitäten angegeben, die mir (vielleicht) weiter helfen.
Es gibt nicht viele Fachbücher, die mich von der ersten bis zur letzten Seite so in ihren Bann gezogen haben: Verständlich geschrieben, übersichtlich in der Gliederung, eine aufgelockerte grafische Gestaltung, hoher Informationswert, ohne fachwissenschaftliche Schnörkel und eitle Selbstdarstellung, klar in der Sprache. Das Buch steht auf meinem Schreibtisch.

Renate Walthes: Einführung in die Blinden- und Sehbehindertenpädagogik,
Reinhard UTB München Basel 2003

Ruppert Heidenreich, Aachen 2004

Ruppert Heidenreich

  • Supervisor (DGSv)
  • System. Supervisor (SG)
  • Lehrender Supervisor (SG)