Rezension zu Therese Steiner/Insoo Kim Berg: Handbuch lösungsorientiertes Arbeiten mit Kindern

Manche glauben, dass man sehr kreativ sein muss, um mit Kindern arbeiten zu können. Ich sehe das nicht so: Die Kreativität liegt im Kind selbst. Die Kinder sind die Experten und bringen uns bei, was sie brauchen, wenn wir nur aufmerksam zuhören und beobachten und das, was sie sagen und tun, ernst nehmen.

Diese Grundeinstellung durchzieht dieses praxisorientierte Handbuch, das sich schwerpunktmäßig an KindertherapeutInnen wendet, aber aus meiner Sicht eine brauchbare Hilfe für alle darstellt, die außerschulisch mit Kindern allein oder in Gruppen arbeiten. Mich hat vor allen Dingen überrascht, wie wirksam lösungsorientiertes Arbeiten mit Kindern gestaltet werden kann, da ich bisher davon ausging, dass die lösungsorientierte Arbeit in Therapie, Supervision oder Coaching eher etwas für die Arbeit mit Erwachsenen ist. Die Beispiele selbst für Skalierungsfragen oder die sog. Wunderfrage zeigen das kreative Potenzial der Kinder. Kann man mit Kindern Ziele aushandeln? Und ob! Es kommt darauf an, das Kind und seine Stärken, Vorlieben, die spontanen Aktivitäten wahrzunehmen, die Fertigkeiten und Begabungen (Ressourcen) einzuschätzen und daran anknüpfend mit diesen besonderen Eigenschaften Lösungen zu erarbeiten.

Wie das geschehen kann, zeigen die Autorinnen in sehr ausführlichen Kapiteln über die kindgerechte Kommunikation, wie Kinder Lösungen entdecken, Veränderungen benennen und visualisieren. Dabei werden auch kreative Medien beschrieben (Einsatz von Handpuppen und Stofftieren, Bilderbüchern), Hinweise für das Erfinden von Geschichten oder das Malen von Bildern gegeben. Es werden Spiele erläutert, aber auch die Skalierungstechnik mit Kindern an vielen Beispielen dargestellt. Gerade dieser praxisorientierte Teil nimmt viel Raum im Buch ein. Daran zeigt sich, dass die Autorinnen viele Jahre praktische Erfahrung im lösungsorientierten Arbeiten mit Kindern haben.

Sehr erfreulich ist, dass die Autorinnen sich ausführlich der Frage annehmen, ob und wie lösungsorientiertes Arbeiten auch bei Kindern mit besonderen Bedürfnissen (im Original: special educational needs) möglich ist. Auch hier gilt für die Autorinnen der Grundsatz, die Arbeit zunächst auf die Fähigkeiten eines Kindes zu fokussieren und nicht nur auf die Behinderung. Dabei werden auch sensible Fragen, wie die des Missbrauchs von Kindern oder der Umgang mit ADHS-Kindern oder mit Schulphobien einbezogen.

Mit Jugendlichen ist es anders! Es ist hilfreich, dass die Autorinnen auf die Unterschiede bei der Arbeit zwischen Kindern und Jugendlichen hinweisen. Die Kreativität lässt bei Jugendlichen nicht nach. Aber es ist sehr viel schwieriger, sie zu entfalten. Coolness, Abhängigkeit von der Peergroup, Entwicklung eigener Wertvorstellungen, Abgrenzung von den Eltern, Entdecken neuer Möglichkeiten und die Erfahrung, dass es Grenzen gibt und man nicht unbesiegbar ist, das und vieles andere verändert die Arbeit mit Jugendlichen sehr. Aber auch hier zeigen die Autorinnen mit praxisnahen Beispielen, wie lösungsorientiertes Arbeiten mit Jugendlichen möglich sein kann.

Im Anhang ist ein Fragebogen für die Eltern abgedruckt, ein ausführliches Stichwortverzeichnis erleichtert das Auffinden von Themen. Die angegebene Literaturauswahl bezieht sich leider ausschließlich auf anglo-amerikanische Autoren. Die übersichtliche Gliederung und der durchweg lesbare Stil heben dieses Handbuch wohltuend von theorielastigen Werken ab. Der Preis ist für ein Paperback nicht eben ein Schnäppchen, aber steht insgesamt in einem angemessenen Verhältnis zur gebotenen Leistung.

Therese Steiner/ Insoo Kim Berg „Handbuch lösungsorientiertes Arbeiten mit Kindern“, 272 S., Auer Verlag, Heidelberg 2005, 29,95 €

Ruppert Heidenreich, Aachen 2005

Ruppert Heidenreich

  • Supervisor (DGSv)
  • System. Supervisor (SG)
  • Lehrender Supervisor (SG)